Einen Moment, vielleicht auch einen Tag in einer Kurzgeschichte zu beschreiben, oder vierzig Jahre zu einer Novelle zu formen, erschien mir in der Vergangenheit keine besondere Aufgabe zu sein; alles, was ich benötigte, war eine Präsenz, die der jeweiligen Idee folgte, solange, bis gesagt war, was zu sagen war. Das intuitive Schreiben folgte einer Gesamtidee, die sich während des Schreibens offenbarte, sich und seinen unsichtbaren Kräften vertrauend.
Der aktuelle Schreibzyklus ist vordergründig eine Zeitreise, eine innere Reise zu emotionalen Ereignissen, zu Geschehnissen und Situationen, die eigentlich ein Aufblühen von Liebesgefühlen bedeuteten, oberflächlich betrachtet. Doch dem raschen inneren Aufbau eines Gesamtbildes folgte ein mühseliges Erinnern, nicht mühselig, was die schönen Momente anging (und angehen wird), sondern der Aufdeckung von verborgenen Mächten.
Definiere ich mein Leben als Kunst, die sich ausschließlich im Hier und Jetzt ereignet, wird das Schreiben zum Tableau eines Bohème. Verstehe ich mich als lebendiges Subjekt in einer politischen Gegenwart, so erhält das Schreiben einen neuen Stellenwert, wird zum Schreiben gegen den Krieg, wird zum Aufschrei für die innere und die äußere Freiheit, wird zur Rebellion, kreiert einen Freiheitskampf von Zeile zur Zeile, klagt an und nimmt sich das Recht zum Leben, mit jeder Zeile eine Gratwanderung zwischen Angst und Mut.
Das sechzehnte Kapitel hätte vom Schachspiel in die Eroberung Nantjes überleiten können, doch das wäre zu einfach gewesen. Niemals zuvor hatte ich mir die Buslinie, die zwei Kriegsstädte miteinander verbindet, genau angeschaut – selektive Wahrnehmung. Ein Teilabschnitt der Wahrnehmung führte das einstige Kind von seinem Dorf in die Stadt, in der es geboren wurde, ein anderer Abschnitt verband sich mit dem Schulweg der ersten bis zur vierten Klasse, ein anderer von Nachbardorf zu Nachbardorf, ein weiterer von dem Wohnort zum Gymnasium, später Flucht aus dem Elternhaus in die ersten Diskotheken. Doch niemals hatte ich das Ganze wahrgenommen.
Upjever, von den Nazis schon 1936 als fester Bestandteil des Angriffskrieges geplant und gebaut, erschien immer als von den historischen Fakten losgelöster Ort, der zwar Grauen bedeutete, aber in den „normalen“ Alltag integriert war – als Terrorakt, der mehrmals in der Woche, schon früh in den Morgenstunden, tagsüber, aber auch in den Abendstunden die Motoren der Kriegsmaschinerie aufheulen ließ, als direkte Bedrohung durch Abstürze der Starfighter, der Sternenkämpfer, welch ein imperialistisches Wort für millionenteure fliegende Mülltonnen, als ökologischer Raubbau, der mit Stacheldraht und Schießbefehl den Zugang zur Natur verwehrte. Integriert von den Schreiberlingen der regionalen Zeitungen, von den Lehrern, die sich von den Unterrichtsplänen treiben ließen oder die ihre eigene braune Anschauung hatten.
Doch die Gesamtzuhänge zwischen der Bundeswehr, dem Morden der faschistischen Wehrmacht und der NATO-Aggressionen zu analysieren, war mir damals verbaut. Die Kriegsdienstverweigerung durfte nicht politisch sein, das heute noch äußerst wertvolle Braunbuch des kommunistischen Journalisten Albert Norden nicht verfügbar. Die Gestapo, die Mörder der Wehrmacht, der SS und der SA waren 1972 nicht in meinem Bewußtsein vorhanden, weder der Geschichtsunterricht offenbarte die grausamen Verbrechen, die sich auch in meiner Region abgespielt hatten, noch die Erzählungen der Eltern oder Nachbarn. Die Nazis und ihre Getreuen hatten sich geschworen, Stillschweigen über ihre Missetaten auszubreiten. Selbst die Existenz der regionalen Konzentrationslager war mir damals nicht bekannt. Noch heute heißt das KZ Wilhelmshaven offiziell KZ Neuengamme, Nebenstelle Banter Weg. Welch eine beschämende Imagekampagne.
Schritt für Schritt eröffnen sich beim Schreiben Fakten und Zusammenhänge. Manchmal suche ich gezielt, manchmal hilft intuitives Denken und Herausfühlen. Als der deutsche Papst, der ehemalige Kardinal Ratzinger, 2007, einen seiner Amtsvorgänger, Pius den Zwölften, seligsprechen ließ – und wenig später frankistische Mörder des Spanischen Bürgerkrieges, war mir klar, welch faschistisches Lied da gesungen wurde. Mein Unterbewußtsein half mir, mich an diesen Kontext zu erinnern und die sogenannten Heiligen, nach denen Kirchen in meiner Region benannt wurden, genau anzuschauen.
So waren die Kirchen in meinem kindlichen Denken schöne und majestätische Gebäude, die ich liebte, Landmarken, die dem Jugendlichen weiterhin Ästhetik vorgaukelten – eine feste Burg ist unser Gott. Und genau diese Begrifflichkeit widerspiegelt eine gewisse Ehrlichkeit; die Kirchen waren niemals sakrale Bauten, sie waren Trotzburgen gegen die sogenannten Heiden, Festungen gegen mögliche Aufständische oder Burgen im Kampf der Adligen gegeneinander. Die Schönheit und die Stille östlicher Tempel besaßen sie nie; an ihnen klebt das Blut der Kreuzzüge und sie stinken alle nach Hexenverbrennungen – heute noch.
Den Zusammenhang zwischen faschistischer Aggression und christlichen Geistlichen brauche ich nicht einmal zu suchen, nur ein wenig Recherche über die Nazis und über die Bundeswehr, und schon weiß ein Schriftsteller, wer die Waffen gesegnet hat. Ich vergesse dabei nicht den aufrechten Weg der Pastoren und der Pfarrer, die gegen die Nazis waren – und würdige ihren Mut, sich nicht unterordnen zu wollen. Furchtlos zu sein, das ist es, was ich gerne von diesen religiösen Menschen lerne.
Die deftige Sprache, die ich in der neuen Geschichte verwendet habe, ist Ausdruck meiner Empörung, und auch ein Novum innerhalb meines Schreibprozesses. Es entspricht der jugendlichen Rebellion des Protagonisten, auch wenn es sein Schutzengel ist, den ich sprechen lasse. Es herrscht Krieg, genau wie zur Nazizeit. Damals glaubten viele Deutsche lange Zeit, sie würden in Frieden leben, während sie das Morden auf der ganzen Welt „vergaßen“. Genau wie heute. Welch ein Frieden.
Give Peace A Chance.
Burcado
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Groa och Heid | Illustration in Sanders Edda
Carl Larsson (1853-1919) and Gunnar Forssell 1859-1903) Repro – Haukurth
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